Im Regenbogen

Bastian hatte es nicht leicht. Er hatte eine Krankheit, durch die er nicht sprechen, nicht schreien und auch sonst keinen Ton hervorbringen konnte. Diese Krankheit war im Kopf. Deshalb konnte ihm auch kein Arzt helfen.

Vor einigen Jahren hörten sie wieder nach Neujahr von den ausgesetzten Tieren, die zu Weihnachten verschenkt wurden, ohne vorher mit dem Beschenkten zu reden. Eigentlich ist es jedes Jahr dasselbe, aber dieses Mal hatten alle, also Bastian, seine Schwester Laura, Mama und Papa den Wunsch, das Tierheim zu besuchen, um sich diese ausgesetzten Tiere anzusehen.

Das Tierheim lag etwas außerhalb der Stadt und so dauerte die Fahrt eine gute halbe Stunde. Bastian war nervös und rutschte mit dem Hintern auf seinem Sitz hin und her. Laura, die 2 Jahre älter war, saß cool in ihrem Sitz und quälte ihr Handy. Im Tierheim angekommen, wurden sie mit fortschreitender Zeit immer bedrückter über die vielen Hunde und Katzen, die sie alle ansahen mit einem Gesicht, als wollten sie sagen, nehmt mich doch mit. Bastian war bei den Katzen Siamkatzezurückgeblieben, während die anderen schon weiter gingen. In dem Käfig war eine Siamkatze mit blauen Augen, weißem Fell, dunkelbraunem Gesicht, Schwanz und Pfoten. Sie kam näher an die Tür heran, markierte mit dem Kopf die Tür und blieb ganz nahe an Bastians Gesicht, der ebenfalls ganz dicht am Maschendraht stehen blieb. Beide schauten sich in die blauen Augen. Keiner weiß bis heute, was da in den beiden vor sich ging. Nach einer Weile, sie kam ihm wie eine Ewigkeit vor, kam Bastians Mama zu ihm zurück und stupste ihn an. Als wenn er in einer anderen Welt gewesen war, kam er wieder zu sich und schüttelte sich. Er sah seine Mama an und zeigte auf die Katze und auf das Namensschild an der Tür. Sie hieß Susi von Mühlstetten und war eine reinrassige Siamkatze, ein bemerkenswert schönes Tier, wie die Mama sich eingestehen musste. Und sie wusste, sie würden das Tierheim nicht ohne diese Katze verlassen.

Bis auf die Zeit mit Lauras Hamster hatten sie keine Tiere in ihrem Zuhause gehabt. Es wird eine neue Erfahrung mit dieser Katze werden. Eine Mitarbeiterin holte Susi aus dem Käfig und ging mit ihnen zum Empfang. Mama fragte, wie es kommt, dass so ein schönes Tier hier im Tierheim auf ein neues Zuhause wartet? Die Mitarbeiterin sagte: „Susi hatte bei einem alleinstehenden alten Herrn gewohnt, der kam aber ins Pflegeheim, weil er immer wieder alles vergessen hatte. Seine Verwandten wollten die Katze nicht, und so ist sie ins Tierheim gekommen“. Nachdem alle Formalitäten erledigt waren und sie auch noch einen Transportkäfig und ein Katzenklo gekauft hatten, traten sie mit Susi den Heimweg an.

Bastians Papa hatte so eine Ahnung, dass diese Katze seinem Jungen helfen könnte, und so war es dann auch. Beide, Bastian und Susi bauten eine ganz innige Beziehung auf und verbrachten jede nur mögliche Minute miteinander. Wenn aber Besuch kam, war Susi die Erste, die diesen begrüßte. Schließlich war sie eine Adlige, eine Rassekatze, und die sind sehr neugierig und wollen immer als erste wissen, wer denn da in ihr Revier kommt.

Dann kam der Tag, der allen unvergesslich blieb. Sie hörten Bastian sprechen. Mit hoher Stimme sagte er leise „Susi gute Katze“, und Susi schnurrte ihre Antwort, die freilich niemand übersetzen konnte. Bastians Mama standen die Tränen in den Augen, als sie das eigentlich Unmögliche hörte. War das Schicksal, dass sie dieser Katze begegnet sind, die so einen Zugang zu ihrem Sohn gefunden hatte, dass er zu sprechen anfing? Als Laura aus der Schule kam, ging es ihr ebenso und sie musste ihren Bruder fest in die Arme nehmen. Auch Susi nahm sie in die Hände und schwenkte mit ihr herum, aber das gefiel der Katze nicht und sie fing an zu fauchen. Sofort setzte sie sie wieder auf dem Boden ab und Susi flitzte davon. Auch dem Papa standen die Tränen in den Augen, als er von der Arbeit nach Hause kam und davon erfuhr. Später nahm er den Fotoapparat zur Hand und wollte diesen Tag dokumentieren, aber Susi ließ sich nicht blicken. Na dann vielleicht später. Und Bastian sagte: “Wird schon noch klappen“. Der Papa staunte über die Wortwahl, als ob sein Sohn schon immer sprechen würde. So würde es für Bastian leichter werden, wenn er in die Schule die entsprechende Sprachunterstützung bekommt.

Nach und nach normalisierte sich alles, was Bastian betraf. Er sprach immer besser und es kam der Tag, als zu anderen Kindern kein Unterschied mehr festzustellen war. Seine Behinderung geriet auch immer mehr in Vergessenheit, was ja auch gut war. Und doch war es Susi, die alle immer wieder an diese Zeit erinnerte, vor allem, da Bastian nach wie vor ein sehr inniges Verhältnis zu dieser Katze hatte. Mit der Zeit bemerkten alle, dass Susi alt wurde. Sie war nicht mehr so agil, überlegte, ob sie da oder dort hochspringen wollte und ließ es zunehmend bleiben. Sie fraß weniger als früher und dann kam der Morgen, an dem Bastian von keiner Susi begrüßt wurde. Sie war in der Nacht auf einem ihrer Lieblingsplätze unbemerkt und friedlich eingeschlafen. Bastian weinte bitterlich. Auch Laura und die Mama mussten weinen. Allen war dieses edle Tier sehr ans Herz gewachsen. Der Papa war schon zur Arbeit gefahren und erfuhr erst dort übers Telefon von Susis Tod. Auch ihn nahm der Verlust sehr mit und ihm wurde das Herz schwer. Immer wieder hörte Bastian davon, dass Susi über die Regenbogenbrücke gegangen war und nun bei ihren Verwandten glücklich sei. Zunehmend drehten sich seine Gedanken nur noch um diese Regenbogenbrücke. Ihm wurde auch immer wieder erzählt, dass das nicht nur ein Märchen sei, diese Regenbogenbrücke kann der sehen, der fest daran glaubte und ein geliebtes Tier verloren hatte. Das setzte sich in Bastian fest. Er kam immer wieder zu seinem Papa mit der Bitte, wenn sie einen Regenbogen sahen, zu ihm hinzufahren, um der Susi auf der Regenbogenbrücke noch ein letztes Mal zu begegnen und von ihr richtig Abschied nehmen zu können.

Es kam der Tag, an dem es auf der einen Seite regnete und auf der anderen schien die Sonne, was einen wunderschönen Regenbogen zur Folge hatte. Bastian und sein Papa setzten sich sofort ins Auto und fuhren dahin, wo der Regenbogen auf die Erde traf. Aber es sollte nicht sein. Als sie dort ankamen, hatte sich der Regenbogen wieder verflüchtigt. Im Laufe der Zeit starteten sie mehrere Versuche, hatten aber kein Glück. Bastian bekam Zweifel, vielleicht war das doch alles nur Gerede, um den zurückgebliebenen Frauchen und Herrchen den Verlust erträglicher zu machen. So geriet dieses Thema mit der Zeit etwas in Vergessenheit.

Es war an einem Mittwoch im September und es herrschte schönes spätsommerliches Wetter mit angenehmen Temperaturen. Der Papa hatte Urlaub und deshalb Zeit, Bastian von der Schule abzuholen. Wie sie losfuhren, zog eine dunkle Wolkenfront auf und es dauerte nicht lange, bis es zu regnen anfing. Plötzlich war Bastian ganz aufgeregt. „Schau nur, Papa, dort ist ein Regenbogen!“ Sie bogen in die nächste Querstraße ab und fuhren direkt auf das Regenbogenende zu. Die schmale Straße war in ein ganz besonderes Licht gehüllt. Die parkenden Autos glänzten durch den Regen und schillerten in den Regenbogenfarben. „Papa, hier müssen wir anhalten, hier fängt der Regenbogen an“. Sie hielten und stiegen aus. Und sofort waren auch sie in dieses wunderschöne Licht gehüllt. Bastian schaute nach oben und hielt die Hände hoch, als würde etwas auf ihn herunterfallen. Wie angewurzelt blieb er in dieser Haltung stehen. Ränder und Kanten von allem, was er sah, verschwammen in einem bunten Nebel aus Regenbogenfarben. Und das, was vor ihm war, sah wirklich aus wie eine Brücke. Schemenhaft konnte er die Umrisse von Tieren sehen, Hunde, Pferde, Katzen und viele Vögel, die auch so bunt aussahen. Bastian rief nach Susi: „Bist du hier, kannst du mich sehen?“ Und plötzlich tauchte aus diesem bunten Nebel das vertraute Gesicht der Siamkatze auf und kam immer näher. Bastian musste mehrmals schlucken und die Tränen standen ihm in den Augen. „Susi, du bist wirklich hier“. Er hörte eine feine Stimme im Kopf, die er noch nie zuvor gehört hatte. „Ich will mich von dir verabschieden, ehe ich endgültig über diese Brücke gehen kann. Leb wohl Bastian, und denk immer mal an mich. Wir hatten eine schöne Zeit miteinander“. Die Stimme wurde leiser und verschwand. Auch der bunte Nebel lichtete sich und alles fing wieder an, normal auszusehen. In dem Moment kam von hinten ein Auto und sie mussten die Straße freimachen. Beide stiegen ein und fuhren los. Bastians Papa schaute zu ihm herüber: „Und, hast du Susi sehen können?“ “Ja, sie hat sich verabschiedet“ Bastian schossen die Tränen wieder in die Augen und er schaute nach unten. Der Papa freute sich. Was ein starker Glaube so alles bewirken kann. So hat diese Geschichte mit der Katze Susi ein gutes Ende gefunden.

© PM 11/2019
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